Flores

Durch Erzählungen, Berichte und Bücher sind wir auf die Insel neugierig geworden.

Flores gehört zu der Inselkette der kleinen Sundainseln, welche von Gebirgszügen gebildet werden. Bereits ab dem 16. Jahrhundert haben die Portugiesen viel Energie in die Christianisierung der Inselbewohner ge­steckt. Heute sind 85% der Bevölkerung Christen und seit dem 19. Jahr­hun­dert wirken und arbeiten viele Schwestern und Mis­sionare, zumeist der Styler Mission, auf der Insel.

Unser Reiseziel an Ostern war Flores. Um diese Jahreszeit ist alles frisch und grün und noch nicht ausgetrocknet durch die warmen Winde, von Australien kommend. Wenn der Regen beginnt, können die Straßen schon mal unterm Schlamm verschwinden oder nicht mehr als Straße zu befahren sein.

Zum Ostergotteadienst in aller Früh in Maumere waren viele Menschen gekommen. Die Kirche war voll und wir schwitzten gewaltig. Die Indonesier sangen schön und viel und hatten sich für den Festtag fein gemacht. Als Opfergaben ent­deckten wir neben Obst und Gemüse auch Palm­wein, Bir Bintang und Meßwein in der Jäger­meisterflasche. Es fehlte jeglicher Prunk. Im Gegenteil, Plastikblumen zierten den Altar und die Gaben wirkten auf den Plastiktellern bescheiden.

Morgens vor Sonnenaufgang ließen wir uns zum Fuß des nahegelegenen Vulkans Egon fahren. Erstaunt stellten wir fest, wie viele Men­schen bereits mit Lasten auf Kopf oder Schulter auf der Straße unterwegs oder vor ihren Hütten am Ar­beiten waren. Die Menschen haben noch den Rhythmus, mit der Sonne zu gehen und es ist verständ­lich, daß sie bei größter Hitze zur Mittagszeit Pause machen. Unser Guide, den wir noch vor Dämmerung auflesen, kam aus einer Hütte, ausgerüstet mit einer kleinen Flasche Wasser und kaputten Latschen. Er vorneweg, 3 gut gelaunte Kinder hinterher, dann wir Eltern und schließlich eine konstant maulende Katharina am Schluß, liefen wir kontinuierlich den Berg hoch bis zum Kraterrand. Starker Schwefel­geruch kam uns entgegen, dafür aber keine Menschenseele. Zwischendurch hatten wir immer wieder eine phantastische Aussicht aufs Meer, die Bucht von Maumere und die davor liegende Insel Pulau Besar. Genauso ging’s den Berg wieder run­ter. Zurück im Sea World Club bei Pater Bollen stellten wir fest, daß der Egon 1700 m hoch ist.

Die Fahrt in den nächsten Ta­gen über die Insel war sehr beein­druckend. Reis­felder, Bäche, ab und an ein Blick aufs Meer oder eine Bucht, berg­auf und bergab. Wo es Dörfer gab, waren auch im Nu überall viele Men­schen. Die Kinder, wie die Orgelpfei­fen mit deutlich dunklerer Haut, die Mäd­chen mit krau­sen, ungebändigten Haaren, die Frauen mit rotschwarzen Zähnen vom stän­digen Betel­nuß­kauen. Oft waren die Florenesen nur in Ikats gehüllt oder steckten in reichlich abgetra­genen Kleidern. Die Häuser waren vielfach mit Bambus gedeckt; alles wirkte auf uns recht auf­geräumt aber auch einfach und ärmlich. Mit unse­rem Privatbus fielen wir sofort auf. Wer uns rechtzeitig sah winkte begeistert. Viele ließen sich auch zu einem Jauchzen hinreißen.

Der Kelimutu‑Vulkan mit seinen 3 Krater­seen in 3 verschiedenen Farben ist eine Attraktion. Die Farben haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Dieses Naturereignis bewirkte bei der Bevölkerung und deren Legenden einige Ver­wirrung. Als wir dort waren, hatten wir dieses Natur­wunder ganz für uns alleine. Die Seen sind auch auf dem 5000 Rp Schein abgebil­det. An die allgegen­wärtige Ruhe konn­ten wir uns schnell gewöhnen, keine Ge­räu­sche, kein Lärm­pegel; nur Vögel oder Grillen oder sonst ein Tier.

Überall auf der Insel, oft an schön gelegenen Plätzen duckten sich Kir­chen, St. Rafael, St. Stefan, St. Martin usw. Zeitweilig er­innerten sie mich an die Kapellen im Schwarz­­wald, nur lange nicht so raus­geputzt. Überhaupt staunten wir immer wieder darüber, was die Schwestern und Patres der Missions­gesellschaften geschaffen haben. Wir besuchten das Priesterseminar in Mataloko. Gerne wollten die Seminaristen unsere Adressen in Jakarta; schließlich hatten wir ja auch zwei Mädchen dabei.

In der Nähe besuchten wir auf unserer Weiterfahrt das schöne Adat Dorf Bena. Es ist malerisch auf einem Hügel gelegen und die Häuser sind alle in überlieferten Stil gebaut. Die Frauen sahen uralt aus und deren Töchter saßen unter den Bambusvordächern der Häuser und waren am Ikat weben. Die Gräber der Ahnen befanden sich viel­fach direkt neben den Häusern. Kinder spielten auf den Grabplatten und dazwischen liefen die Hühner, Hunde und Gänse.

Weiter im Westen, in der Manggarei be­suchten wir die Leprastation und das Krankenhaus in Cancar. Die Gastfreundschaft von Sr. Reginardis und ihren Mitschwestern tat gut. Es wurde warmes Wasser für ein Bad herangeschleppt. Der Kaffee duftete schon und auf dem Tisch fanden wir Köstlichkeiten, wie Leberpastete und andere leckere Dinge. Wir durften das Krankenhaus und die Leprastation anschauen. Außerdern gab es auch eine Ziegelei, eine Schreinerei, die Schweinezucht, die Hühner und die Gänse und den Kräuter‑ und Gemüsegarten. Am Abend bei Wein und Käse­gebäck saßen wir gemütlich beisammen und die Schwestem erzählten von der Arbeit, den Proble­men, den Menschen, dem Arbeiten im Außen­dienst/Dschungel, dem ehemaligen Hund von Pater Franz Schaaf und anderen schönen Erlebnissen. Alles war so spannend und interessant.

Als wir schießlich auf unserer Weiterfahrt die frühere Gemeindekirche von Pater Schaaf be­suchten, war es mit der Ruhe vorbei. Wie ein Lauf­feuer ging es um, daß wir Pater Franz kennen. Im Nu waren Menschen um uns, hinter uns, neben uns. Es wurden immer mehr und alle wollten uns die Hand geben. War es die Erinnerung, die Neu­gier oder die Abwechslung in ihrem Alltag? Wir flüchteten schießlich in unseren Bus. Lauter Köpfe klebten an den Autofenstern. Die Kinder mit krau­sen Haaren und Rotznasen. Schließlich tauchte auch wieder unser Fahrer Simon auf und wir fuhren davon.

Unsere letzte Station war die malerisch ge­legene, aber vernachläßigte Hafenstadt Labuan Bajo. Der Weg dorthin führte durch eine schöne Landschaft mit Reisfeldern, Bewässerungs­systemen über Terrassen, dazwischen Ochsen, Ziegen, Hunde und immer wieder der blaue Himmel. Insbesondere in der Manggarei gibt es eine vielfältige Vegetation. Wir fuhren vorbei an Kaffee‑ und Vanillepflanzen, Sandelholz, Teak, Avocado, Sago, Kokos, Ananas und vielen ver­schiedenen Fruchtbäumen.

Nach 12 Tagen Flores ging es in die Zivi­lisation auf Bali. Es erwarteten uns schöne Hotels, Essen auf Bestellung, Straßenhändler mit 1$ Uhren und Kultur am Tanah Lot. Wir standen unten auf den Felsen am Meer und schauten nach oben. Dort waren Trauben von Menschen versammelt, dicke, dünne, laute, leise; mit unendlich vielen klickenden Fotoapparaten und surrenden Filmkameras. Die untergehende Sonne schien nur noch Nebensache.

Jedenfalls auf der Insel Flores versank die Sonne in rotem Licht und leisen Tönen im weiten Meer.

Christa Stuber