Vietnam

„Motobike, Motobike“, ruft Nguyen von der Straßenecke und hofft, wie viele seiner Kollegen, mit seinem Motorrad ein paar Dong zu verdienen. Längst haben Roller und Mopeds die Fahrräder – zumindest in den Großstädten Vietnams – verdrängt und behaupten als Haupttransportmittel ihren Platz in der sozialistischen Republik. Noch nicht die Autos, denn sonst wäre, wie in Thailand oder Indonesien, der Verkehrskollaps auch in Vietnam bereits perfekt. Drastische Einfuhrzölle halten den boomartigen Anstieg an Pkws noch im Zaum, aber wie lange noch?

Vietnam, ein Land, das über den Daumen gepeilt, rund tausend Jahre unter der Vorherrschaft Chinas stand, das einhundert Jahre die Knute Frankreichs spürte und zehn Jahre lang dem Einfluss Amerikas und nicht zuletzt Russlands unterlag, macht sich auf, den Anschluss an die Tigerstaaten Südostasiens zu finden. Noch entsprechen T-Shirts mit dem Aufdruck „I got to Vietnam before McDonald’s“ der Wahrheit und die Einkaufsstraßen von Ho Chi Minh City oder Hanoi sind noch meilenweit von den glitzernden Konsumpalästen Thailands oder Indonesiens entfernt.

Aber Vietnam hat viel zu bieten. Freundliche, lebensfrohe Menschen, für die der Vietnamkrieg längst der Vergangenheit angehört, malerische Landschaften, traumhafte Strände und eine reichhaltige Kultur locken Touristen aus aller Welt. Zwar gaben SARS und Vogelkrippe dem touristischen Aufschwung in den letzten Jahren einen merklichen Dämpfer – und letzteres Übel schwebt immer noch als Damoklesschwert über dem Land – aber die Touristen haben das von der Tsunami Katastrophe verschonte Land längst wieder entdeckt. Mit einer niedrigen Kriminalitätsrate und einem politisch stabilen System, zählt Vietnam derzeit mit zu den sichersten Reiseländern Asiens.

Vietnam erstreckt sich von Nord nach Süd über 2000 Kilometer, von den Subtropen an der Grenze zu China bis zum schwül-feuchten Mekongdelta im Süden. Die Pauschaltouren der Reiseveranstalter haken die vietnamesischen Highlights im Schnelldurchgang ab. Für einen ersten Eindruck nicht schlecht, aber das südostasiatische Land hat weit mehr als das Standardprogramm zu bieten.

Vietnam lässt sich problemlos auf eigene Faust bereisen. Ob als Rucksacktourist mit einem „Open Ticket“, das Busreisen mit klimatisierten Reisebussen für billiges Geld erlaubt oder in der bequemeren, aber durchaus noch erschwinglichen Variante, mit gemietetem Privatwagen samt Fahrer und teils deutsch- oder zumindest englischsprachigem Führer. Längere Strecken lassen sich bequem mit Inlandsflügen oder mit dem “Reunification”-Zug, der mehrmals täglich zwischen der Hauptstadt Hanoi und Ho Chi Minh City, einst Saigon, verkehrt, zurücklegen. Und jegliche Kombination, entsprechend den eigenen Reisevorstellungen, ist möglich. Mit Englisch kommen Reisende gut durch, wenige ältere Personen sprechen noch Französisch, und wer einst die sozialistischen Früchte der DDR genoss, kramt stolz seine Deutschkenntnisse hervor.

Zum „klassischen“ Pflichtprogramm gehört im Norden, die malerische Halongbucht, nahe Haiphong, der drittgrößten Stadt des Landes. Rund dreitausend Kalksteinfelsen erheben sich majestätisch aus dem Wasser. Dazwischen dümpeln zahlreiche Dschunken, mit Touristen oder Kohle beladen, und sehenswerte Tropfsteinhöhlen laden zum Besuch ein. Mit etwas Verhandlungsgeschick lässt sich das Abendessen bei den schwimmenden Dörfern mit ihren Garnelenkulturen direkt frisch erstehen. Und eine Nacht auf Deck unterm endlosen Sternenhimmel bleibt ein unvergessenes Erlebnis.

Aber auch Hanoi ist ein Besuch wert. Ein Bummel um den im Zentrum gelegenen Hoan Kiem See oder durch die verwinkelte Altstadt gehört ebenso dazu, wie die Besichtigung des Literaturtempels, der ältesten Universität des Landes oder ein Blick auf den einbalsamierten Leichnam Ho Chi Minhs in seinem Mausoleum mit dem angrenzenden Wohnhaus und Museum. Und ein Muss: der Besuch der Oper. Leider ist das, dem Pariser Opernhaus nachempfundene und frisch renovierte Kleinod, nur bei Konzerten zugänglich.

Mittelvietnam lockt mit der am malerischen Parfümfluss gelegen alten Kaiserstadt Hue. Sehenswert die zahlreichen Kaisergräber sowie die, der Verbotenen Stadt in Peking nachempfundenen und im Vietnamkrieg großteils zerstörten, Zitadelle. Erst 1802 entstand das Zentrum nach chinesischem Vorbild, zum Schrecken der Franzosen.

Anders Hoi An, auf der anderen Seite des Wolkenpasses, Klimagrenze und Wasserscheide des Landes. Das über den Flughafen Da Nang einfach erreichbare und zum Weltkulturerbe ernannte Städtchen stammt aus dem Mittelalter und ist Zeitzeuge vietnamesischer Geschichte. Hier legten die Schiffe aus China und Japan an und die alten Handelshäuser aus Holz sind noch sehr gut erhalten. Mit seinen gemütlichen Restaurants und den ansprechenden Hotels am fünf Kilometer entfernten weißen Sandstrand der Cua Dai Beach, ein echter Tipp für einen erholsamen Badeurlaub. Noch.

Ho Chi Minh City, am Saigonfluss gelegen, und Tor zum Mekongdelta, ist die fortschrittlichste und größte Stadt des Landes. Ein Blick ins koloniale Postgebäude und in die Kathedrale sollte ebenso wenig fehlen, wie eine Schifffahrt auf dem imposanten Fluss.

Abseits der Haupttouristenorte, liegen weitere wunderschöne Destinationen. So empfiehlt sich im Sommer – im Winter wird es im Norden empfindlich kalt – der Höhenort Sapa bei Lao Cai, an der Grenze zu China. Die am Fuße des Fansipan, dem höchsten Berg Vietnams gelegene einstige französische Sommerfrische, lädt zu Wanderungen oder Mountainbiketouren zu den in den Bergen lebenden ethnischen Minderheiten ein. Mit Führer und Träger lässt sich auch der 3143 Meter hohe Fansipan in einer mehrtägigen Trekkingtour besteigen. Sapa erreichen Besucher bequem per Nachtzug von Hanoi aus und das Hotel Viktoria lädt mit seinem großzügigen Hallenbad, Sauna und Tennisplätzen zum Entspannen ein.

Im Winter hingegen empfiehlt sich eine Tour ins Mekongdelta mit Abstecher ins Nachbarland Kambodscha. Von Ho Chi Minh City erreichen Besucher Can Tho und die Grenzstadt Chau Doc per Auto oder Boot. Auch hier lädt das direkt am Fluss gelegene, im Kolonialstil erbaute stilvolle Victoria-Hotel zum Verweilen ein. Schnellboote fahren von hier aus in vier Stunden nach Pnom Phen und von dort aus weiter zur sagenhaften buddhistischen Tempelanlage Ankor Wat.

Eine Flugstunde von Saigon entfernt liegt die Insel Phu Quoc. Noch gilt das vor Kambodscha liegende Eiland mit seinen traumhaften Stränden als Geheimtipp, ähnlich wie Bali vor 20 Jahren. Noch bieten einfache, kleine, familiär geführte Bungalowanlagen, wie etwa das Tropicana Resort, vietnamesische Gastfreundschaft. Aber auch hier rollen die Bulldozer bereits an und es ist nur noch eine Frage der Zeit bis aus der Idylle ein überlaufenes Ferienziel mit Betonburgen wird.

Christa Stuber